Von der Spitzenläuferin zum Triathlon Profi

Ich bin die Franzi und darf euch hier ab sofort regelmäßig auf meinen Weg mitnehmen. Dieser führt mitten durch den Triathlon-Zirkus, in dem für mich gerade alle Eindrücke lebhaft und bunt, vor allem aber noch sehr neu sind. Aktuell befinde ich mich grob gesagt irgendwo in der Mitteldistanz-Region, noch recht nahe am Grenzgebiet zum Langstreckenlauf. Bevor ich hier aber noch weiter so kryptisch vor mich hinschreibe, stelle ich mich lieber ein bisschen genauer vor. Dann versteht man sicherlich auch besser, was ich eigentlich meine.

19. Januar 2022

Um gleich mal bei geografischen Angaben zu bleiben: Geboren und aufgewachsen bin ich in Regensburg (hier bei uns sagt man „Rengschbuag“) und irgendwie auch bis heute noch nicht von dort weggekommen. Das hat verschieden Gründe. Vornehmlich natürlich, weil es hier doch recht hübsch ist (mancher nennt Regensburg auch die nördlichste Stadt Italiens) und ich mich deshalb ziemlich wohl fühle. Es sei denn, es ist gerade Spätherbst und damit der Nebel zurück in der Domstadt. Dann sieht man hier wochenlang keine Hand vor Augen, geschweige denn Sonnenlicht. 

Dieser deprimierende Zustand bessert sich aber zum Jahreswechsel wieder merklich und spätestens ab März bin ich dann meistens schon wieder ziemlich zufrieden mit meinem Oberpfälzer Zuhause an der Donau. Ein bisschen mehr Berge dürften es von mir aus gern sein, ansonsten findet man hier aber schon ganz ansehnliche Bedingungen vor. Warum es mich außerdem nach 25 Jahren noch nicht in die Ferne verschlagen hat, ist auch mit meiner sportlichen Vergangenheit zu erklären.

KickAss Sports, Franzi Reng

© Marcel Hilger 

Das Eldorado für Langstreckenläufer

Wie manche vielleicht wissen, ist Regensburg ein kleines Eldorado für ambitionierte LangstreckenläuferInnen. Viele AthletInnen kommen zum Studieren extra hierher, um von der großen und leistungsstarken Gruppe der LG Telis Finanz, meinem Heimatverein, zu profitieren. Außerdem gibt es einige auswärtig trainierende LäuferInnen, die ebenfalls um die Vorzüge des starken vereinsinternen Supports für Top-AthletInnen wissen und sich deshalb dem Team anschließen. Man kann im Prinzip noch so international erfolgreich sein, es findet sich eigentlich immer jemand, zu dem man aufschauen kann.

Ich selbst wurde, während der Gymnasialzeit bei einem Talentscouting von der Hindernislauf-Spezialistin Susi Lutz „entdeckt“ (die heute übrigens auch zumindest einen gewissen Bezug zum Triathlon hat – den kennen aber wirklich nur die echten Freaks). Sie lud mich damals ins Leichtathletik-Training der LG Telis Finanz ein und ich fühlte mich davon zwar geehrt, hatte aber eigentlich gar nicht so große Lust, denn eigentlich war ich damals noch im Schwimmverein aktiv.

Nur durch die ermutigenden Worte meiner Mutter gab ich mir einen Ruck. Hatte ich als Späteinsteigerin in den technischen Disziplinen wie Werfen oder Springen zwar einen kaum einholbaren Rückstand, wusste sie doch genau, dass ich beim Laufen schon immer ein gewisses Talent gehabt hatte. Bei meinem ersten Laufwettkampf, einem 2000m-Rennen irgendwo in der niederbayerischen Pampa, bei dem ich mich wohl gar nicht so schlecht anstellte und sogar den ein der anderen Jungen überrundete, wurde dann auch mein späterer Trainer Kurt Ring auf mich aufmerksam. Ich erinnere mich wie heute daran, wie er damals zu mir sagte: „Du bist ja eine Rennsau.“

Hatte Kurt sich bislang noch nicht besonders für „die von den Kleinen“ interessiert, war jetzt der weitere Weg für mich vorgezeichnet: Ich trainierte von nun an spezifisch in der Leistungsgruppe der LangstreckenläuferInnen, wo ich tatsächlich viele Jahre das Nesthäkchen sein und von den ganz Großen der deutschen Langstreckenszene lernen durfte. Ich nahm an Rennen und Meisterschaften teil, gewann meine ersten Titel auf Landes- und Bundesebene, wurde für den Nationalkader nominiert. Es folgten einige Teilnahmen bei Europameisterschaften, zunächst in der Altersklasse der U20, dann in der U23 und später auch bei den Erwachsenen, zweimal kam ich von dort sogar mit einer Medaille wieder nach Hause. Im Jahr 2016 nahm mich eine Vereinskollegin spontan mit nach Barcelona, wo ich meinen ersten Halbmarathon lief und mich mit der Zeit direkt für die EM in Amsterdam qualifizierte. Dasselbe gelang mir 2017 bei meinem ersten Marathon. Für mich, die Späteinsteigerin mit den miserablen Sprintqualitäten, die immer besser wurde, je länger die Strecke war, lief alles irgendwie glatt. Fast schon zu glatt. Denn im darauffolgenden Jahr 2018 kam plötzlich der herbe Rückschlag.

Der Rückschlag

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mein Studium beendet und wollte mich in den kommenden Jahren verstärkt auf den Sport konzentrieren. Doch schon der Start in das neue Jahr misslang: Das Januar-Trainingslager im portugiesischen Monte Gordo musste ich abbrechen. Warum ich nicht in der Lage war, das Training konstant und verlässlich zu absolvieren und ständig ohne erkennbare Ursache ausfiel, konnte sich eigentlich niemand wirklich erklären. 

Ich rappelte mich zwar wieder auf und als die Frühjahrs-Saison begann, hatte ich zumindest wieder eine passable Form, doch der Schein trog. Die Deutschen Halbmarathonmeisterschaften, bei denen ich inmitten meiner Vorbereitung für den Düsseldorf Marathon eigentlich nur für die Mannschaft startete, liefen unerwartet gut: Ich konnte das Rennen überraschend für mich entscheiden, ganz ohne mich dabei besonders zu verausgaben. Niemand bemerkte, was damals vermutlich schon seit einiger Zeit im Argen lag. Beim Düsseldorf Marathon zwei Wochen später kam aber schließlich der große Knall.

Noch weit jenseits der Halbmarathonmarke lag ich bereits neben der Strecke. Ich hatte größte Schmerzen, mein Körper krampfte sich zusammen, mein Magen rebellierte und niemand wusste, was eigentlich los war. So etwas hatte es bei mir noch nie gegeben. Es war mir alles wahnsinnig unangenehm und ich fühlte mich schrecklich. Gerade war es doch sportlich erst wieder bergauf gegangen. 

Meine Pechsträhne hielt an: Seit diesem unglücklichen Rennausgang in Düsseldorf sollte ich gesundheitlich in meiner Läuferinnenkarriere nie wieder Fuß fassen. Ich konnte kaum trainieren, war ständig krank, oft auch mit Fieber. Ich erinnere mich an ein Fotoshooting, das in Vorbereitung auf die anstehende Europameisterschaft in Berlin stattfand. Man nahm größte Rücksicht auf meinen schlechten Zustand und achtete penibel darauf, dass alles innerhalb von zehn Minuten im Kasten war, damit ich sofort wieder zurück ins Bett konnte. Auf dem Parkplatz angekommen, schaffte ich aber noch nicht einmal mehr die Stufen zu meiner Wohnung hinauf. Es war alles zu viel für mich. Meine Teilnahme bei der Heim-EM in Berlin musste ich schweren Herzens absagen.

Natürlich gab es in dieser Zeit Stimmen, die riefen, das sei alles überhaupt kein Wunder, mein Körper sei schlichtweg zu schwach und zu dünn, um so weiterzumachen. Und es stimmte: Zu dieser Zeit war ich, was mein Gewicht betraf, sicherlich auf einem Drahtseil unterwegs. Lange Zeit dachte ich deshalb auch selbst, dies sei der Auslöser dafür, dass es mir so schlecht ging. Ich versuchte, noch mehr zu essen als in der Marathonvorbereitung, obwohl ich gar keinen Sport mehr machte. Ich wollte unbedingt zunehmen. Und es klappte auch ganz gut. Nur gesund wurde ich dadurch leider nicht. Von allen Seiten hörte ich: „Mensch, du siehst jetzt so gut aus.“ Aber das bezog sich eben nur darauf, dass ich mehr Kilos auf die Waage brachte. Die eigentliche Ursache für mein Problem hatte noch niemand erkannt.

Als ich Ende 2018 bei den Deutschen Meisterschaften im 10km-Straßenlauf zumindest für die Mannschaft wieder am Start stehen wollte, machten mir Schmerzen und schlimmste Bauchkrämpfe im Vorfeld erneut einen Strich durch die Rechnung. Ich drängte meinen Vater, der Gastroenterologe ist, regelrecht dazu, noch einmal alles ganz genau zu checken. Und was er dann feststellte, war für alle im ersten Moment ein Schock.

Die Diagnose

Heute ist alles anders, ich habe gelernt, mit meiner Diagnose zu leben. Ich weiß seit dem Herbst 2018, dass mein Körper regelmäßig zu entzündlichen Darm-Invaginationen neigt. Das bedeutet, dass sich die Darmwand spontan und aus (bisher) nicht näher erklärbaren Ursachen, ineinander stülpt und dadurch die Entstehung von Engstellen, Durchblutungsstörungen und im schlimmsten eines Darmverschlusses provoziert. Eigentlich ist es erleichternd, zu wissen, dass das Phänomen quasi spontan und aus heiterem Himmel auftritt und keine schlimmere Ursache wie ein Tumor zugrunde liegt. Lustigerweise sind Darm-Invaginationen etwas, das eher bei Säuglingen vermehrt auftritt. Deshalb ist die Diagnose tatsächlich recht ungewöhnlich. Bei meinem Vater fühle ich mich aber in den besten Händen und ich weiß, dass er alles dafür tut, um im Ernstfall eine Operation und andere Maßnahmen zu verhindern, die meiner sportlichen Karriere schaden könnten.

Ich habe seit 2018 außerdem einige Allergien und Unverträglichkeiten mit teils heftigen Reaktionen entwickelt, die meine Ernährung und meinen Alltag anfangs extrem beeinflusst und auch eingeschränkt haben. Es hat mich lange Zeit gekostet, mit dieser neuen Situation umzugehen, mich und meinen Körper neu kennenzulernen und herauszufinden, was ihm guttut. Denn mein Körper hat sich extrem verändert. Das sieht jeder, der Bilder von mir aus früheren Zeiten mit heute vergleicht. 

Sportlich bin ich anfangs überhaupt nicht auf die Beine gekommen. Mein Anspruch war keineswegs, gleich wieder Leistungssport zu machen. Doch das Laufen fehlte mir. So richtig funktioniert hat es in den ersten Monaten von 2019 aber nicht. Ich fuhr mit meinen Mannschaftskollegen nach Italien ins Trainingslager und war frustriert, weil ich nicht mal ansatzweise mithalten konnte, ständig Pausen brauchte, hinten und vorne nichts zusammen passte. Dafür entdeckte ich in dieser Zeit das Schwimmen wieder sowie im Spätsommer 2019 auch das Radfahren. Beide Sportarten wurden für mich wichtige Stützen in einer Zeit, in der es mir mental aufgrund der Frustration darüber, dass meine Laufkarriere nun wohl auf Eis lag, nicht gut ging. Ende 2019 habe ich für mich den Entschluss gefasst, dass ich beides gerne beibehalten möchte und, sofern es mein Körper mir erlaubt, ein Training, das alle drei Sportarten – Schwimmen, Radfahren und auch wieder Laufen – umfasst, aufzunehmen.

Der Neuanfang

Nach einer langen Zeit der Unsicherheit und der Traurigkeit, verspürte ich plötzlich wieder Motivation und auch den Wunsch, sportlich einen Neuanfang zu wagen. Die Zeichen standen nicht schlecht: Ich hatte alles so weit im Griff, dass ich keine Medikamente oder Cortison mehr brauchte, ich fühlte mich stark und hatte Lust, noch einmal anzugreifen. Wie weit ich gehen kann, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und auch das Jahr 2020 lief mit Rennabsagen durch Corona natürlich nicht optimal, um bei Wettkämpfen zu testen, was der Körper eigentlich aushält.

Das Jahr 2021 hat mir dann aber definitiv gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich habe Triathlon nun nicht nur im Training, sondern auch im Wettkampf lieben gelernt. Und ja, es war eine Liebe auf den zweiten Blick. Eine Liebe, die erst dadurch zustande kam, dass etwas anderes kaputtging. Ich erwische mich in Momenten, in denen ich mich frage, warum es eigentlich unbedingt eine Erkrankung gebraucht hat, um zu kapieren, wie schön dieser Sport ist. Aber das Leben läuft so oft auf Umwegen und nicht straight in eine Richtung. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich das Laufen, den Sport, den ich nach wie vor am liebsten mag, nicht aufgeben musste. Ich bin außerdem genauso glücklich, mit dem Schwimmen einen Sport aus der Vergangenheit wiedergefunden und mit dem Radfahren einen Sport neu entdeckt zu haben. Und: Ich freue mich, auf alles, was noch kommt.

Franzi Reng (25), seit Ende 2021 Teil der KickAss Squad ☺

KickAss Sports, Franzi Reng

© Marcel Hilger 

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